
Keiner mag den letzten Samichlaus
Er ist der letzte seiner Art. Vergessen, verschmäht und ungegessen. Und jetzt kommen schon die Osterhasen. Für den alten Samichlaus bei uns im Haus ist das edelbitter.
Er kam stolz, voller Hoffnungen und nicht alleine. Sondern als Spezialeinheit im Fünferpack. Gemeinsam mit seinen Brüdern sollte er in der kalten Weihnachtszeit für glänzende Kinderaugen sorgen. Sich den roten Mantel vom Hohlkörper reissen und den Kopf abbeissen lassen. Stattdessen endete er ungeliebt und einsam auf dem Boden der Tatsachen.
Aufgefallen ist er mir schon vor Wochen, in einer Ecke des Zimmers meines Sohnes. Da lag er, stoischer Blick, ein immer noch optimistisches Lächeln im Gesicht, den Sack geschultert. Sein Schicksal ergeben abwartend. Er wartete, während ich regelmässig leere Verpackungen anderer Süssigkeiten unter dem Bett hervor fischte.
Als wäre er aus Brokkoli
Kaugummi, Head Bangers, Tiki. Nichts davon wurde so alt, wie der Samichlaus aussah. Ich stellte ihn auf, damit er nicht zu übersehen war. Den Blick ins Zimmer gerichtet. Er wartete weiter. Die Süssigkeiten kamen und gingen. Der Schoggi-Mann blieb unberührt, als wäre er aus Brokkoli.

Ich schützte ihn vor den ersten intensiveren Sonnenstrahlen des Jahres und überliess ihn ansonsten seinem Schicksal, nicht einmal zweite Wahl zu sein. Da half auch der goldene Lindt-Schriftzug auf seinem Mantel nicht. Als Lindor-Kugel wäre er bei uns nicht alt geworden. Doch er wollte nun mal ins Weihnachtsgeschäft.
Keine exklusive Berufswahl, aber eine sichere Sache, mag er sich gedacht haben. So wurde er einer von 164 Millionen in Deutschland hergestellten Weihnachtsmännern, bevor er aus Aachen in die Schweiz übersiedelte und auf Samichlaus umschulte. Nun steht er Anfang April immer noch da. Wie ein alter weisser Mann mit Bart, der die Welt nicht mehr versteht. Und nicht einsehen will, dass seine Zeit vorbei ist.
Ungeliebt und ungegessen
Dabei wusste ich schon im Spätsommer, als ich die erste Rotmantel-Brigade im Laden sah, dass bei meinen Kindern damit nicht viel zu holen sein würde. Trotzdem lächelten die Samichläuse selbstbewusst, als wüssten sie, dass ich irgendwann, kurz vor dem Fest, unter ihren penetranten Blicken zusammenbrechen und zugreifen würde. Was ich dann auch tat. Aber meine fünf Verlegenheitskäufe ahnten nicht, was danach auf sie zukommen sollte.

Ignoriert zu werden ist eine Sache. Doch seitens der Kinder kamen auch noch unangenehme Fragen auf. Ist da Palmöl drin? Und ist der Kakao fair gehandelt? Na, wie sieht’s aus, Herr Samichlaus? Die Zeiten haben sich geändert. Ich kann verstehen, wenn sich ein Schoggi-Mann von vorgestern, der im Kinderzimmer langsam weissen Fettreif ansetzt, im Hier und Heute nicht mehr zurechtfindet.
Das fing schon im Laden an. Alleine wer und was da alles neben ihm und seinen Brüdern im Regal stand. Braungebrannte Hipster mit gepflegten Kakaobutter-Rauschebärten aus der Manufaktur. Die Ökos mit ihren Bio- und Fair-Trade-Zertifizierungen. Junge Typen in freakigen Klamotten, die sich bunte Pillen einwerfen. Der Würde des Amtes völlig unangemessen. Trotzdem wurden sie gekauft und gegessen.

Quelle: Screenshot Galaxus
Das hätte es früher nicht gegeben. Die Jugend von heute hat keinen Respekt mehr vor Traditionen. Aber in einem Punkt hat sie Recht: Eine gute Figur macht noch keine gute Schokolade. Die gibt es links und rechts davon, und zwar 365 Tage im Jahr.
Deshalb standen er und seine Brüder sich weiter die Kakaobutterbeine in den Bauch und mussten schon Angst haben, zu Osterhasen eingeschmolzen zu werden. So hartnäckig, wie sämtliche Branchenverbände dieses Gerücht abstreiten, muss da doch was dran sein.
Die Hasen sind da
Dass es mit ihnen so nicht weitergehen kann, wurde mir schlagartig klar, als ich neulich in der Migros einen Jungen den grösstmöglichen Schoggi-Hasen an den Ohren aus dem Regal zerren sah. «Nei, sicher nöd!», rief sein Vater. Sicher doch. Er wird kaufen. Ich werde kaufen. Denn die Hasen sind da. Von klassisch bis freakig.
Und sie sind viele. Sehr viele. Das bricht dem alten weissen Mann endgültig sein Herz aus Hüftgold. Um die 240 Millionen erblicken alleine in seiner Heimat Deutschland das Licht der Fabrikhallen. In der Schweiz sind es ungefähr 20 Millionen.
Unser Samichlaus kam edelbitter in den Verkauf. Und falls er inzwischen verbittert sein sollte, lässt er sich das zumindest nicht anmerken. Doch mir reicht es langsam. Seine vier Brüder habe ich im März gegessen. Bevor ich bei den Hasen zugreife, muss er dran glauben. So kommt am Ende zusammen, was zusammengehört.
Ich mittelalter weisser Mann erbarme mich und führe den alten weissen Schoggi-Mann seiner Bestimmung zu.

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.