Hintergrund

Soja, Hafer, Mandel: Wie gesund sind Alternativen zu Kuhmilch?

Trinkst du Milch aus Hafer, Soja oder lieber klassisch von der Kuh? Ein Blick in die Studienlage verrät, wie gesund Kuhmilch wirklich ist und zu welchen Alternativen du greifen kannst.

Über verschüttete Milch soll man nicht weinen. Ein guter Rat – auch der Tiroler Landwirtschaftskammer hätte er viel Ärger erspart. Ein Werbespot für das Land Tirol verursachte jetzt, drei Jahre nach seiner eigentlichen Veröffentlichung, einen plötzlichen Eklat: Darin bestellt ein Krampus namens Sven einen Latte Macchiato mit Hafer- anstatt Kuhmilch. Ein Angriff auf gleich zwei Tiroler Kulturgüter: Kuhmilch und den Krampus. In Österreich ist der Krampus Begleiter und Gegenspieler des heiligen Nicolaus. Er kommt am 5. Dezember und verteilt Strafen an mutmaßlich schlimme Kinder. In Tirol gibt es übrigens jedes Jahr den «Perchtenlauf», bei dem als Krampus verkleidete Männer umherlaufen und Schläge verteilen. Das scheint die Behörden weniger zu schockieren, als wenn die Krampusse Haferdrinks zu sich nehmen. Damit zurück zum Thema.

Das Thema Milch wird sehr kontrovers und emotional diskutiert, wie am Tiroler «Hafermilchgate» deutlich wird. Befürworter sehen darin das proteingeladene Superfood, während ihr Gegner eine Reihe an Krebsdiagnosen zuschreiben. Ein Blick in die Studienlage zeigt vor allem eines: Schwarz-weiß lässt sich das Thema Milch nicht abhandeln.

Und wohlgemerkt: In diesem Artikel geht es explizit NICHT um Fragen von Ökologie oder Klima- oder Tierschutz, sondern um Fragen nach nützlichen oder schädlichen Eigenschaften für deine Gesundheit.

Milch: Ein Naturprodukt?

Immer mehr Menschen verzichten auf Kuhmilch. In Deutschland beispielsweise zeigt die Statistik: 27 Prozent der Befragten greift regelmäßig zu Alternativen aus Hafer, Soja, Mandeln oder anderen pflanzlichen Produkten. Dabei haben wir eine lange Geschichte mit Milch: Wir trinken sie seit rund 10 000 Jahren – ungefähr, seitdem der Mensch Tiere domestiziert hat, also für seine eigenen Zwecke züchtete. Besonders in kalten Jahreszeiten bot sie uns in Europa einen bedeutenden Selektionsvorteil: Pflanzliche Nahrung war kaum verfügbar und die Milch ungeheuer nahrhaft. Kein Wunder, sie soll ein neugeborenes Kalb in wenigen Monaten von ca. 40 auf ein Gewicht von rund 200 Kilogramm befördern.

Heute, wo wir von keinen Hungersnöten mehr geplagt werden, lässt sich über die Natürlichkeit von Muttermilch im Erwachsenenalter streiten. In vielen Teilen der Welt fehlt erwachsenen Menschen das Enzym «Laktase», um Milchzucker (Laktose) verarbeiten zu können. Und tatsächlich sind weltweit rund 75 Prozent der erwachsenen Menschen deswegen Laktose-intolerant.

Und auch die Art, wie die Milch heute von der Kuh in deinen Morgenkaffee kommt, hat nicht mehr viel mit Natur zu tun. Bis die Milch vor dir steht, wurde sie bereits in mehreren Schritten verarbeitet etwa pasteurisiert und homogenisiert und dadurch haltbar gemacht. Ein Prozess, bei dem viele Vitamine in der Milch verloren gehen und der nochmal verdeutlicht: Das Etikett «Naturprodukt» ist nicht mehr so angebracht, wie noch vor 10 000 Jahren.

Gesunde Darmflora: Schützt Milch vor Krebs?

Aus einer gesundheitlichen Perspektive spricht dennoch vieles für die Kuhmilch. Mit 400 unterschiedlichen Fettsäuren und fast allen essenziellen Aminosäuren bietet Milch hochwertige Proteine und eine einzigartige Quelle an Nährstoffen für den menschlichen Körper. Milch liefert darüber hinaus Jod, Magnesium und mehr Kalzium als jedes andere Lebensmittel.

Auch die Darmflora wird durch Kuhmilch, insbesondere durch daraus hergestelltes Joghurt, vielfältiger und gesünder. Darum gilt Milch als Prophylaxe für Darmkrebs. Das zeigt eine Studie in Annals of Oncology. Ab einem Glas Milch am Tag (200 Milliliter) treten präventive Effekte auf, sagen die Autorinnen und Autoren.

Grund dafür ist das in Milch enthaltene Kalzium. Das stellte eine Studie im International Journal of Cancer unter Beweis. Den Forschenden zufolge führen 300 Milligramm Kalzium am Tag zu einem um 8 Prozent reduzierten Darmkrebsrisiko .

Aber leider: Das Kalzium, das unser Darmkrebsrisiko senkt, erhöht gleichzeitig das Risiko für Prostatakrebs um 32 Prozent. Das stellten Forschende im British Journal of Cancer fest. Spätere Forschungsergebnisse im Journal of Nutrition unterstreichen die Ergebnisse. Allerdings heisst es dort relativierend: Das Krebsrisiko erhöht sich erst ab 1,25 Litern Milch pro Tag.

Und auch ob die Ergebnisse alleine dem hohen Milchkonsum geschuldet sind, ist fraglich. Denn: Probandinnen und Probanden, die weniger Milch und Fleisch konsumierten, rauchten seltener und bewegten sich mehr. Diese «confounding factors» sind dafür bekannt, das generelle Krebsrisiko zu reduzieren und dürften auch hier eine Rolle spielen.

Milch für starke Knochen: Hilft das weiße Gold gegen Osteoporose?

Weil Milch ein guter Kalziumlieferant ist, verbinden wir sie mit starken Knochen. Würde das stimmen, hätten Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Knochen aus Stahl. Tatsächlich ist es aber so: Dort leiden besonders viele Menschen an Osteoporose (Knochenschwund). Ein Grund dafür kann unsere geografische Lage sein: Denn Kalzium braucht Vitamin D um die Knochendichte zu erhöhen. Das fehlt vielen Menschen in Mitteleuropa besonders im Winter.

Eine prominente Studie aus Schweden kommt aber noch zu einem anderen Ergebnis: Nicht nur ein niedriger Vitamin-D-Spiegel, auch ein hoher Milchkonsum per se erhöht das Osteoporose-Risiko und sogar die Sterblichkeit. Oxidativer Stress in den Zellen und erhöhte Entzündungswerte seien der Grund für diese Ergebnisse.

Aber auch hier relativieren die Autorinnen und Autoren: Ob die Sterblichkeit alleine durch den erhöhten Milchkonsum zunahm oder durch andere Faktoren wie niedrigeres Einkommen und ungesunder Lebensstil, sei unklar. Auch eine Harvardstudie mit 43 000 Männern konnte den Vorwurf des erhöhten Osteoporose-Risikos zumindest relativieren. Demzufolge gebe es dafür keine Indizien.

Der einzige Konsens, auf den man sich in der Wissenschaft einigen kann, ist folgender: Es gibt kaum Konsens darüber, ob Milch gesund ist oder nicht rsp. darüber, ob sie dem Körper besonders guttut oder doch mehr schadet. Ergebnisse widersprechen sich und hinterlassen die altbekannte Bilanz: Die Dosis macht das Gift, wobei nicht klar ist, was tatsächlich vergiftet wird.

Pflanze statt Tier

Wer auf die Milch im Kaffee nicht verzichten kann, dem bieten sich allerhand pflanzliche Alternativen. Deutlich gesünder sollen die ja sein. Und apropos Kaffee: Ihn mit Kuhmilch zu trinken, wirkt offenbar seinen gesundheitlichen Vorteilen entgegen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Leben Menschen, die auf Kuhmilch verzichten, gesünder?

Sojadrink: Kalorienarm und reich an Proteinen

Der Sojadrink war eines der ersten pflanzlichen Milchersatzprodukte am Markt. Er wird aus der Sojabohne gewonnen und ist damit sehr proteinreich.

Die in Sojamilch enthaltenen Isoflavone standen lange Zeit in der Kritik, weil sie dem weiblichen Sexualhormon Östrogen sehr ähnlich sind. Heute ist bekannt, unter anderem durch Studien wie dieser im Journal für Gynäkologische Endokrinologie, dass der Wirkstoff bei Beschwerden der Wechseljahre und Osteoporose sogar hilft.

Der Sojadrink überzeugt mit halb so vielen Kalorien pro Einheit wie Kuhmilch und einem leicht bitteren Eigengeschmack. Weil die Sojamilch sehr proteinreich ist, lässt sie sich gut aufschäumen und eignet sich gut für Kaffee und zum Backen.

Haferdrink: Viele Ballaststoffe, viel Zucker

Die Milchalternative aus Hafer ist nicht zuletzt durch den schwedischen Konzern Oatly zu einer der beliebtesten Milchalternative geworden. Auch für deine Gesundheit gibt es Vorteile: Der Milchersatz aus Hafer, verfügt über besonders viele Ballaststoffe, die nachweislich gut für die Verdauung sind. Der Haferdrink ist fettarm und verfügt über kaum Cholesterin. Durch seinen süßlichen Geschmack eignet sich der Haferdrink besonders gut für Desserts wie beispielsweise Milchreis.

Aber: Im Haferdrink ist auch viel Zucker. Drei bis sechs Gramm kommen hier auf 100 Milliliter. Pro Liter finden sich ungefähr 18 Würfel Zucker. Allerdings steht es um die Kuhmilch nicht besser: Auch hier kommen fünf Gramm Zucker auf 100 Milliliter. Für gesunde Menschen ist das kein großes Problem, Menschen mit Diabetes oder Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) sollten aber die Finger vom Haferdrink lassen.

Mandeldrink: Wenige Kalorien, wenige Nährstoffe

Auch Milch aus Mandeln zählt zu den beliebten Alternativen. Der Mandeldrink ist leicht bekömmlich, da er fast ausschließlich aus Wasser und nur zu sieben Prozent aus Mandeln besteht. Daher zählt er nur 22 Kilokalorien pro 100 Milliliter, beinhaltet aber auch sonst wenige Nährstoffe wie Kalzium oder Vitamin B12, die oft vom Hersteller künstlich beigemengt werden.

Im Kaffee sieht der Mandeldrink eher unappetitlich aus, dafür eignet er sich gut zum Backen oder im morgendlichen Müsli als kalorienarme Alternative zur Kuhmilch.

Kokosmilch: Reich an Nährstoffen

Milch aus der Kokosnuss ist eine der ältesten Milchalternativen und auch die einzige Alternative, die rechtlich als «Milch» bezeichnet werden darf (der Begriff ist sonst nur der tierischen Milch vorbehalten – es muss also Hafer-, Mandel- und Sojadrink heißen). Sie ist eine der kalorien- aber auch nährstoffreichsten Sorten und zählt starke 197 Kalorien auf 100 Milliliter und hat 20 Prozent Fettanteil. Darüber hinaus beinhaltet sie natürliches Kalium, Eisen, Natrium und Magnesium.

Weil die Kokosmilch so reichhaltig ist, eignet sie sich besonders zum Kochen beispielsweise für Currys oder für Desserts. Im Kaffee ist die Kokosmilch sehr schwer und ähnelt eher einer Milchcreme. Zudem sticht ihr recht intensive Kokosgeschmack durch.

Kartoffelmilch: New kid on the block

Seit diesem Frühling gibt es in der Schweiz auch eine Kartoffelmilch. Wie es um deren gesundheitsförderlichen oder -schädlichen Eigenschaften steht, lässt sich heute noch nicht genauer sagen. Geschmacklich kann sie aber durchaus überzeugen, wie ein Test der Galaxus-Redaktion diesen Frühling gezeigt hat:

  • Produkttest

    Dug Milk: Wir haben die neue Kartoffelmilch ausprobiert

    von Livia Gamper

Milchalternativen: Die gesündere Wahl?

Es gibt viele Alternativen zur Milch am Markt und einige Gründe auf sie zurückzugreifen. Wenn du beispielsweise zu den 75 Prozent der Weltbevölkerung gehörst, die keine Laktose vertragen. Pflanzendrinks sind oft besser bekömmlich als Kuhmilch, allerdings können sie nährstofftechnisch kaum mit der Kuhmilch mithalten. Sojamilch beispielsweise beinhaltet nur ein Fünftel an Kalzium und auch andere Vitamine wie B12 müssen von Herstellern künstlich beigemengt werden. Weil viele Pflanzendrinks zu großen Teilen aus Wasser bestehen, wird oftmals Zucker zugesetzt, um den Geschmack zu verbessern.

Tierisches Protein kann von deinem Körper zudem leichter verarbeitet werden, weil es im Gegensatz zu pflanzlichen Proteinen alle notwendigen Bausteine (Aminosäuren) besitzt. Studien schreiben dem Unterschied im Alltag – zum Beispiel für den Muskelaufbau – keine große Bedeutung zu.

Generell gilt: Je weniger verarbeitet, desto besser. Das gilt auch für die Kuhmilch. Wer zuhause selbst Milchersatz aus Hafer, Soja oder Mandeln herstellen will, ist ebenfalls gut beraten.

Und für alle anderen lässt sich aus der Studienlage ableiten: Ohne Unverträglichkeiten und in moderaten Mengen macht es für deine Gesundheit keinen großen Unterschied, ob du deinen Latte Macchiato mit Kuh- oder Hafermilch trinkst. Und auch Krampus Sven und das Land Tirol können die Angelegenheit durchaus etwas entspannter sehen.

Titelfoto: shutterstock

21 Personen gefällt dieser Artikel


Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Hintergrund

    Altes Hausmittel, aktueller Hype: Wie gesund Apfelessig wirklich ist

    von Moritz Weinstock

  • Hintergrund

    Bewegung, Knoblauch, Wasser trinken: So pflegst du deine Leber

    von Olivia Leimpeters-Leth

  • Hintergrund

    Müsli: Schmeckt gut, ist gesund – wenn du's richtig machst

    von Mareike Steger

8 Kommentare

Avatar
later